Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) war lutherischer Theologe und ein Vertreter der Bekennenden Kirche, die gegen die Gleichschaltung der evangelischen Kirche in der Zeit des Dritten Reichs kämpfte. Sein Engagement für den Widerstand gegen den Nationalsozialismus führte dazu, das er im April 1943 festgenommen und am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg erhängt wurde. Vor und während seiner Haft schrieb er zahlreiche Briefe, Denkschriften und mehr, in denen sich sein tiefer Glaube, damit verbunden aber auch eine elementare Weisheit offenbart. Ich selbst bin nicht allzu religiös, eher Agnostiker und spreche statt von Gott lieber vom Großen Geheimnis. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) rühren mich Bonhoeffers Texte an, wie zum Beispiel diese Zeilen aus einem Brief von 1944:

Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann, einen Gerechten oder einen Ungerechten, einen Kranken oder Gesunden – und dies nenne ich Diesseitigkeit, nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme, dann nimmt man nicht mehr die eigenen Leiden, sondern das Leiden Gottes in der Welt ernst, dann wacht man mit Christus in Gethsemane, und ich denke, das ist Glaube, das ist metanoia und so wird man ein Mensch, ein Christ.

Dietrich Bonhoeffer wurde nach seinem Tod als Märtyrer geehrt und verehrt, es wurden Schulen, Kirchen und Straßen nach ihm benannt. Das ist ein einfaches Mittel, um einen, der für mehr als Oberflächlichkeit stand, für seine eigenen Zwecke zu vereinnahmen und zu missbrauchen. Bonhoeffer würde es wohl mehr erfreuen, wenn die Menschen, gerade auch die, die selbst glauben oder von sich behaupten, für christliche Werte einzustehen, lernen würden, ihre eigene Menschlichkeit zu finden, anzuerkennen und zu bewahren. Sich nicht mehr über andere erheben, über andere urteilen, andere bekämpfen, andere manipulieren, missbrauchen, bestehlen, belügen und ermorden. Er schrieb viele seiner Texte während der Zeit des Nationalsozialismus, sie sind aber teilweise universell anwendbar. Sehr beeindruckt haben mich die folgenden Zeilen, mit denen ich diesen kurzen Beitrag auch schon beenden will. Dietrich Bonhoeffer soll sie vor seiner Verhaftung 1943 geschrieben haben und sie lassen sich für mich auf fast schon gruselige Art und Weise auf die gerade stattfindenden Ereignisse rund um die Farce „Corona“ übertragen:

Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten; Gründe verfangen nicht; Tatsachen, die dem eigenen Vorurteil widersprechen, brauchen einfach nicht geglaubt zu werden – in solchen Fällen wird der Dumme sogar kritisch – und wenn sie unausweichlich sind, können sie einfach als nichtssagende Einzelfälle beiseitegeschoben werden. Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen. Niemals werden wir mehr versuchen, den Dummen durch Gründe zu überzeugen; es ist sinnlos und gefährlich.

Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind. Diese Entdeckung machen wir zu unserer Überraschung anläßlich bestimmter Situationen. Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen. Wir beobachten weiterhin, daß abgeschlossen und einsam lebende Menschen diesen Defekt seltener zeigen als zur Gesellung neigende oder verurteilte Menschen und Menschengruppen. So scheint die Dummheit vielleicht weniger ein psychologisches als ein soziologisches Problem zu sein. Sie ist eine besondere Form der Einwirkung geschichtlicher Umstände auf den Menschen, eine psychologische Begleiterscheinung bestimmter äußerer Verhältnisse. Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen.

Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte – also etwa intellektuelle – Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun – mehr oder weniger unbewußt – darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen. Hier liegt die Gefahr eines diabolischen Mißbrauchs. Dadurch werden Menschen für immer zugrunde gerichtet werden können. Aber es ist gerade hier auch ganz deutlich, daß nicht ein Akt der Belehrung, sondern allein ein Akt der Befreiung die Dummheit überwinden könnte. Dabei wird man sich damit abfinden müssen, daß eine echte innere Befreiung in den allermeisten Fällen erst möglich wird, nachdem die äußere Befreiung vorangegangen ist; bis dahin werden wir auf alle Versuche, den Dummen zu überzeugen, verzichten müssen.

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