Im Mittelalter wachten Nachtwächter über das Wohl der Städte, wenn die Bürger schliefen. Sie sorgten für nächtliche Ordnung und Sicherheit. In Hildesheim, am wunderschönen Tempelhaus, an der Ecke zur Judenstraße, hängt heute noch, leicht übersehbar ein sogenanntes Nasenschild, dass wohl als Zunftzeichen der Nachtwächter diente und die Zeiten überdauerte. Auf ihm steht der schöne Spruch „Wenn der Wächter nicht wacht, wacht der Dieb“. Nach dem Bombenangriff auf Hildesheim am 22. März 1945, schoss ein Fotograf aus der Judenstraße heraus ein Bild des völlig zerstörten Marktplatzes, des zerbrochenen Herzens einer der bis dahin schönsten Städte Nordeuropas. Als Ironie des Schicksals kann es wohl angesehen werden, das auf der Fotografie noch das Zunftzeichen der Wächter am Tempelhaus zu sehen war, das den Feuersturm überdauert hatte. Ein Pulitzer-Foto eigentlich. Ein Wink vielleicht der Schöpferischen Kraft, die hinter allem steht. Die Menschen hatten nicht aufgepasst. Sie hatten die Werte der aufblühenden Demokratie der Weimarer Republik nicht respektiert und verteidigt und hatten letztendlich vielleicht das bekommen, was sie zugelassen und verdient hatten. Kaum jemand, der hier entlanggeht, hat das Schild wohl jemals wahrgenommen. Selbst viele Hildesheimer werden es nicht kennen. Um es zu sehen, muss man mit offenen Augen gehen, den Blick vom offensichtlich Beeindruckenden abwenden und auch mal nach oben schauen. Um die Mahnung dann zu sehen und auch zu verstehen, gehört nicht viel mehr als ein gesunder und wacher Menschenverstand.

Hier wurde wohl jemandem der gesunde Menschenverstand geklaut

Hier wurde wohl jemandem der gesunde Menschenverstand geklaut

Keine Angst, jetzt kommt kein Reichsbürger-Gerede, wenngleich viele dieser Menschen zu Unrecht diffamiert werden, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Wer sind die Wächter des Tages und der Nacht für das, was wir Demokratie nennen? Wir alle sind es. Wir sind der Souverän dieses Landes, nicht die gewählten Volksvertreter. Wurde unsere Demokratie erkämpft? Teils, teils. Die Demokratie, die wir 1949 erhielten, wurde zumindest nicht von uns erstritten. Sie wurde unseren Vorfahren gegeben, wenngleich eine theoretische Mitsprache existierte. Von wem wurde sie uns gegeben? Von den Siegermächten. Wer war entscheidend beteiligt an der Gestaltung unserer Demokratie? Kann man nicht genau sagen. Man kann wohl davon ausgehen, das die USA als zu diesem Zeitpunkt einzige Atommacht und in allen Punkten weltweit überlegene Kraft, maßgeblich an der Schaffung einer Demokratie nach amerikanischem Vorbild beteiligt war. Die Siegermacht Sowjetunion auf der einen Seite, die restlichen „westlichen“ Siegermächte und die von den westlichen Siegern eingesetzten Organe, werden auch ihren mehr oder weniger großen Beitrag geleistet haben. Wir bekamen also, von wem auch immer in welchem Umfang, eine sozial ausgerichtete Demokratie, wie es mir damals in der Baumschule beigebracht wurde. Demokratie mit einer Prise Sozialismus, was mir damals nicht beigebracht wurde. Abgesehen vielleicht vom Schweizer System auf dem Papier das Beste, was die Welt für Normalsterbliche zu bieten hatte und in Fragmenten noch hat. Von den 1950er Jahren bis in die 1990er und teilweise noch bis heute, ging und geht es wohl kaum einem anderen Volk auf dieser Welt so gut wie dem unseren.

Worauf aber basiert dieser Wohlstand, der einen Lebensstil ermöglicht hat, den meine Eltern und Großeltern als völlig unfassbar ansahen? Ein dichtes Dach über dem Kopf für Jedermann, ein gut bezahlter Job, ständig sinkende Arbeitszeiten, ein Auto für alle, immer mehr Konsumartikel und Urlaub im Ausland und jeden Tag frisches Brot, Wurst und Käse für (fast) alle Menschen. Teilweise lässt sich das mit „Made in Germany“ erklären und den Attributen, die mir so lange gepredigt wurden und die ich dann, als ich sie auswendig gelernt hatte und irgendwann auch glaubte, lange selbst einredete. Deutscher Fleiß, deutsche Disziplin, deutsche Pünktlichkeit, deutscher Forschergeist und so weiter. Selbst wenn es so wäre, sind die Menschen aber fast überall so oder so ähnlich und leben nicht in einem fast schon unanständigen Wohlstand, schon gar nicht für (fast) alle. Was also haben sie, was haben wir uns vorgemacht oder es uns gerne vormachen lassen? Wir tun es übrigens noch immer und das Schlimmste für mich ist, dass ich, der ich zur Unterklasse gehöre, mir immer, tagein, tagaus, mein ganzes Leben lang das Gejaule und Gejammere von Menschen anhören musste und immer noch muss, denen überspitzt formuliert alles in den Schoß gefallen ist und die leben wie die Maden im Speck. Ich kann nichts gegen dieses Denken, das doch eher ans Dichten erinnert, tun. Ich kann es weder verhindern noch bekämpfen. Ich kann nur hoffen, dass die Menschen auch in diesem Land irgendwann aufwachen und wachen und darüber nachdenken, was wirklich um sie herum vorgeht und von wem sie sich instrumentalisieren lassen, Kollaborateure eines globalen Unrechtssystems zu sein.

Dürfen nicht geklaut werden und vor allem nicht gegessen

Dürfen nicht geklaut werden und vor allem nicht gegessen

Ich werde keine Schuld zuweisen, keine Beispiele nennen, keine Namen. Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er glauben will. Es gibt keinen Kampf, keine Gerechtigkeit, keine Schuld, nur das eigene Leben. Aber ich stelle mir ständig Fragen, die ich für mich beantworten will und bitte euch, dies auch zu tun, wenn ihr bereit seid, kein Deutscher mehr zu sein, kein Europäer, sondern ein gleich berechtigtes und gleich verpflichtetes Mitglied einer zukünftigen Menschheitsfamilie. Was nützt es aber, zu wachen, zu sehen, zu hören und zu mahnen? Ist es möglich, gegen weltweit agierende Eliten und Mächte vorzugehen, sie zu zerschlagen oder sie zu zwingen, ihre Macht und ihren Reichtum zu teilen? Ich denke nicht. Zu tief verwoben sind sie in das System und sie haben uns ebenso tief und fest in ihre Machenschaften eingebunden. Sie haben eine „Revolution von oben nach unten“ durchgeführt. Die „echten Revolutionen“ der Vergangenheit, wie zum Beispiel die Französische Revolution, haben nie etwas grundlegend und auf Dauer geändert, sondern haben nur Machtverhältnisse verändert und einige Futtertröge verschoben.

Jetzt habe ich wieder viel Zusammenhangloses geschrieben, auch weil ich kein Schreiberling bin und schnell mal den roten Faden verliere. Weil mir gerade in diesen verrückten Zeiten, in denen das Narrativ wieder einmal über die „wahren Hintergründe“ siegt, mir so viele Gedanken gleichzeitig durch den Kopf gehen, die einfach in keine geordnete Struktur passen wollen. Am Ende will ich nur sagen und das passt wieder ein wenig zum Titel, das wir alle im übertragenen Sinne Wächter und Dieb in einer Person sind. Die meisten von uns werden wohl eher den Wächter in sich erkennen, wenige erkennen auch den Dieb. Wir werden zu Dieben erzogen und zu Wächtern ernannt, wir sind (fast) alle korrupt. Wir stehlen uns und anderen die Zeit, indem wir uns mit Nichtigkeiten beschäftigen, unsere Zeit totschlagen, unserem Lifestyle frönen, während anderswo Menschen wegen uns sterben und noch an anderer Stelle Menschen in unvorstellbarem Luxus schwelgen. Zweiteres wäre vielleicht noch zu verschmerzen, ersteres ist ein grenzenloses Unrecht, an dem wir alle direkt und/oder indirekt beteiligt sind. Öffnet die Augen und Ohren, öffnet das Herz und den Verstand, denkt selbst, glaubt nichts, hinterfragt alles und bleibt wachsam, vor allem gegenüber euch selbst…

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